Reifeprüfung auf dem Thespiskarren: Theater-AG überzeugt mit brillanter Brecht-Inszenierung

Verfasst am: 12.03.2020

Erst A wie Abi, dann B wie Brecht: Ganz großes Theater zeigten die Mitglieder der Theater-AG der IGS Mainz-Bretzenheim am 09.03.2020 zum Abschluss ihrer Schullaufbahn. Mit Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ haben die Leiterinnen der AG, die beiden Lehrerinnen Sabina Omerhodzic und Barbara König, ihrer Truppe wieder harte Kost zum „Spielen“ gegeben.

Es war faszinierend zu erleben, wie die jungen SchauspielerInnen den Klassenkampf einerseits in seiner düsteren Ernsthaftigkeit auf die Bühne brachten, dazu mit kammerspielerischem Partygeplänkel oder grellem Revuetheater versetzten, um ihn zu einem unvergesslichen Ereignis werden zu lassen. Ganz egal welche Talente gefragt waren: Sie spielten, tanzten und sangen mit größter Präsenz.

Brecht schrieb dieses Theaterstück vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre. In Bretzenheim spielt das Stück in den „Golden 20ths“.

Kostüme im Stile des Steampunk verfremden ebenso wie Broadway-Glitzerkram die gesellschaftliche Realität. Melodien vertrauter Swing-Klassiker statt Eislerscher Disharmonien begleiten bitterböse Brecht'sche Sozialkritik ins Bewusstsein der Zuschauer:

Reiche, saubere, satte Menschen, in der Rolle der Fleischfabrikanten auf der einen Seite, hungernde, verstümmelte Menschen als Arbeiter auf der anderen Seite, bilden das gesellschaftliche Sein ab. Dazwischen trällern die „Strohhüte“, in der Funktion der Heilsarmee, reinen Herzens, vertraute erbauliche Melodien und verteilen Suppe an die Armen.

Mitten im Geschehen agiert mit besten Absichten und reiner Gesinnung Johanna Dark, Leutnant, der „Strohhüte“, rührend, gütig, naiv – ja nahezu „heilig“. Sie lässt sich in ihrer frommen Naivität zum Spielball der Mächtigen machen und wird dadurch schuldig am Scheitern des Arbeiter-Aufstands und am Fortbestehen des Elends.

In knapp zwei Stunden bringt die IGS-Theatertruppe auf den Punkt, dass die Macht mit den Reichen ist. Dass gut gemeint, nicht zwangsläufig auch gut gemacht ist und dass Naivität ganz schnell ihre Unschuld verlieren kann.

Da bleibt auch am Ende nur noch Brecht zu zitieren:

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Mitwirkende SchülerInnen der Jahrgangsstufen 12 und 13:

Judith Ariki, Jonas Benninghoff, Helen Graffert, Emma Graw, Emma Kaesehagen, Paula Müller, Felix Murken, Lotte Ritter, Ella Weidner, Romy Weidner, Lilli Wollweber, Mark Zappe

Autorin:

Christiane Leonhardt

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